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Aetherion – Die Schattenfels-Saga · Band 1: Hoffnung
Der Wind kam aus dem Norden. Er bog das dürre Gras nieder und trieb Staub über einen Weg, der seinen Namen kaum noch verdiente. Von den Pflastersteinen, die hier einmal gelegen hatten, ragten nur vereinzelt graue Kanten zwischen Wurzeln und Erde hervor. An manchen Stellen verlor sich die Straße vollständig und tauchte erst viele Schritte später wieder auf. Vaelor ritt an der Spitze, Thoren folgte ihm mit einigen Pferdelängen Abstand.
Seit Stunden waren sie keinem Menschen begegnet. Kein Dorf lag zwischen den Hügeln, kein Rauch stieg über den Baumwipfeln auf, und auf dem alten Weg kam ihnen kein Händler entgegen. Normalerweise konnten die beiden halbe Tagesritte schweigend zurücklegen, ohne dass einer von ihnen etwas vermisste. An diesem Morgen hatte das Schweigen jedoch Gewicht. Vaelors rechte Hand ruhte locker auf dem Zügel, während sein Daumen langsam über den Ring an seinem Finger strich. Thoren sah die Bewegung und stellte die Frage, die ihm auf der Zunge lag, nicht. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, wann er keine Antwort erhalten würde.
Vor ihnen senkte sich der Weg zwischen zwei bewaldeten Hängen. Die Luft wurde kühler, und jenseits eines schmalen Schilfsaums öffnete sich ein See, dessen dunkle Oberfläche der Wind kräuselte. Am gegenüberliegenden Ufer standen die Bäume so dicht, dass ihre Schatten bis ans Wasser reichten. Thoren zügelte sein Pferd und betrachtete den flachen Streifen zwischen den Wurzeln, an dem man ohne Mühe hätte baden können.
„Wenn wir hierbleiben, nehme ich den See“, sagte er.
„Wir wissen noch nicht einmal, wohin der Weg führt.“ Vaelor nahm die Zügel kürzer.
„Der See reicht mir als Argument.“
„Dann bist du leichter zufriedenzustellen, als ich dachte.“ Vaelor ritt weiter, und bald verbargen die Bäume das Wasser hinter ihnen.
Der Weg stieg zu einem Kamm an. Als der Wind stärker wurde, zog Thoren den Mantel enger um die Schultern. „Wenn hinter dem nächsten Hügel wieder nur noch mehr Hügel sind, drehe ich um.“
„Du wirst nicht umdrehen.“ Vaelor blickte nicht zurück.
„Das war keine Bitte.“
„So klang es allerdings.“
Thoren verzog den Mund. Er hätte noch etwas erwidern können, doch inzwischen erreichten sie die Höhe. Vaelors Pferd blieb stehen, bevor sein Reiter die Zügel anzog. Thoren kam neben ihm zum Halt und vergaß seine Drohung.
Ein breites Tal lag zwischen dunklen Felszügen. Wald bedeckte die Hänge; die alte Straße wand sich nach Süden hinab, verschwand kurz zwischen den Bäumen und stieg am anderen Ende wieder an. Auf einem Felsrücken stand eine Festung. Ihre Mauern bildeten aus der Ferne eine unregelmäßige schwarze Linie, unterbrochen von Türmen und den Resten eines Tores. Ein Turm hatte kein Dach mehr. In einer geborstenen Zinne wuchs ein Baum.
Thoren spähte hinunter. „Das ist neu.“
„Nur für uns. Die Mauern stehen schon länger hier.“
„Du weißt, was ich meine.“
Vaelor antwortete nicht. Sein Blick glitt über die Höhen und Engstellen, über die Waldlinie und die drei Zugänge, die von hier aus zu erkennen waren. Thoren kannte diese Art, einen Ort anzusehen. Sein Freund betrachtete keine Ruine; er prüfte, was sich aus ihr machen ließe.
„Leicht zu verteidigen“, sagte Thoren.
„Drei sichtbare Zugänge“, erwiderte Vaelor und deutete nach Westen. Zwischen zwei Felsformationen führte ein schmaler Einschnitt zum oberen Hang. Aus der Entfernung wirkte er wie ein Schatten im Gestein.
Thoren folgte seiner Hand. „Vier also. Für Reiter?“
„Zu eng. Fußsoldaten kämen nur hintereinander hinauf.“
„Eine Todesfalle.“
„Wenn man oben steht, hält man sie leicht.“ Vaelors Daumen glitt über den Ring. „Wenn man unten steht, sollte man dort nicht angreifen.“
Thoren sah zu ihm hinüber. An der Art, wie Vaelor den Blick nicht von der Festung löste, erkannte er, dass sie sich den Einschnitt später aus der Nähe ansehen würden. Wahrscheinlich würde sein Freund außerdem darauf bestehen, herauszufinden, ob hinter dem Hang ein weiterer Weg verlief. Thoren seufzte und setzte sein Pferd in Bewegung.
Je näher sie kamen, desto deutlicher zeigte sich die Größe der Anlage. Was vom Kamm aus wie eine einzelne Burg gewirkt hatte, bestand aus mehreren Mauerringen und Höfen. Der äußere Bereich bot Platz für ein kleines Dorf; dahinter erhob sich ein zweiter, besser erhaltener Mauerzug. Im Zentrum stand das Hauptgebäude aus schwarzgrauem Stein, überragt von einem Bergfried, dessen obere Hälfte fehlte. Niemand hatte die Anlage seit langer Zeit instand gehalten, aber ihre Lage war noch immer so gewählt, dass jeder Ankommende früh entdeckt werden konnte.
„Wer baut so etwas und lässt es dann verrotten?“, fragte Thoren.
„Jemand, der verloren hat.“
„Oder gestorben ist.“
„Für diese Mauern macht es keinen Unterschied.“ Vaelor stieg vor dem Tor ab. Vom einstigen Holzflügel war nur noch ein morscher Rest im Gras zu sehen, die Eisenbeschläge rot vor Rost. Sie banden ihre Pferde an einen niedrigen Mauerrest, zogen die Schwerter und betraten die Festung zu Fuß.
Der erste Hof war von Gras und Sträuchern überwuchert. Zwischen den Pflastersteinen hatten sich Wurzeln hindurchgeschoben, und an der Nordmauer lag eine kopflose Statue auf der Seite. Thoren blieb davor stehen und tippte mit dem Stiefel gegen das verwitterte Gewand aus Stein.
„König?“
„Vielleicht.“ Vaelor ging weiter.
„Hübsch war er nicht.“
„Jetzt weniger.“
Thoren sah ihm nach. „War das ein Witz?“
*** einige Zeit später ***
Vor dem Tor lagen zwei Männer am Boden. Einer rührte sich nicht mehr: Er hatte die Warnungen der Wachen ignoriert, bis ein Armbrustbolzen ihn zwischen Schulter und Rücken getroffen hatte. Der zweite hatte rechtzeitig angehalten. Ein dritter kauerte mit einem Messer hinter einem Felsvorsprung. Vom Wehrgang aus beobachteten Vaelor und Thoren die unübersichtliche Lage, ohne die eigenen Männer aus den Augen zu lassen.
„Was für ein beschissener Nachmittag.“
Vaelor antwortete nicht. Unten schrie der Bewaffnete etwas, das der Wind bis zur Mauer nur in Fetzen trug. Am Waldrand löste sich eine vierte Gestalt aus dem Schatten der Bäume. Der Fremde kam allein und in gleichmäßigem Schritt näher, obwohl sein dunkler Mantel an mehreren Stellen zerrissen war und Blut seine rechte Hand bedeckte. Er musterte das Tor, die Stellung der Wachen und die Entfernung zu dem Mann hinter dem Felsen. Dann blieb er stehen, als habe er alles gesehen, was er wissen musste.
„Noch einen Schritt!“, brüllte der Bewaffnete.
Der Fremde sah ihn an. „Links von Euch.“
Der Bewaffnete drehte instinktiv den Kopf. Der Fremde nutzte diesen Augenblick, überwand die Distanz mit wenigen schnellen Schritten und schlug nach seinem Waffenarm. Das Messer fiel zwischen die Steine. Ehe der Mann zurückweichen konnte, traf ihn ein Tritt gegen das Knie; er brach schreiend zusammen. Der Fremde wich zurück und hielt ihn weiter mit der Klinge in Schach. Auf dem Wehrgang beugte sich Thoren ein Stück über die Brüstung.
„Sauber.“
Vaelor schwieg. Der Fremde packte den Verletzten am Kragen und schleifte ihn bis vor das Tor. Dann sah er nach oben.
„Den wollt Ihr lebend.“
Es klang nicht wie eine Frage. Vaelor hob zwei Finger, und die Wachen öffneten gerade weit genug, um den Fremden mit seinem Gefangenen einzulassen. Im unteren Hof nahm Thoren ihn in Empfang, während die übrigen Soldaten Abstand hielten, ohne ihn aus den Augen zu verlieren.
„Name.“
„Viktor.“
„Mehr?“
„Reicht.“
Thoren musterte ihn. „Nein.“
Viktors Blick wanderte über seine Schulter zu Vaelor.
„Für ihn vielleicht.“
Thoren machte einen Schritt auf ihn zu. Vaelor hob die Hand. Thoren blieb stehen. „Warum hast du sie verfolgt?“, fragte Vaelor. Viktor sah ihn direkt an.
„Weil sie schlecht darin waren, nicht aufzufallen.“
„Das ist kein Grund.“
„Für mich schon.“
Vaelor wartete. Viktor seufzte kaum merklich. „Sie haben vor zwei Tagen einen Händlerzug überfallen.“
„Viele tun das.“
„Sie haben nichts gestohlen.“
Jetzt wurde auch Thoren aufmerksam.
„Was dann?“
„Briefe.“
Der Hof schien für einen Moment stiller. Viktor fuhr fort.
„Geld, Pferde, Wein. Alles blieb liegen. Sie nahmen nur eine versiegelte Ledertasche des Schreibers.“
Vaelors Daumen glitt über den Ring an seinem Finger.
„Und deshalb jagst du drei bewaffnete Männer allein?“
„Sieben Menschen sind für Papier gestorben.“
Viktors Stimme blieb vollkommen ruhig.
„Das ergibt keinen Sinn.“
Vaelor betrachtete ihn. „Und das stört dich.“
„Ja.“
Diesmal glaubte Vaelor ihm sofort. Mehr, als ihm gefiel.
* * *
Der Gefangene redete nicht. Eine Stunde später saß er im unteren Verhörraum auf einem Stuhl. Sein gebrochener Arm war geschient, das verletzte Knie notdürftig fixiert. Zwei Wachen standen draußen. Thoren lehnte an der Wand. Vaelor stand vor dem Gefangenen. Viktor betrachtete ihn. Nicht voller Zorn. Nicht mit jener sichtbaren Freude, die manche Männer empfanden, sobald ihnen ein Wehrloser ausgeliefert war. Er sah ihn an, als wäre er ein Problem.
„Ihr wollt wissen, wer ihn bezahlt hat.“
Vaelor nickte. „Ja.“
„Darf ich?“
„Nein“, sagte Thoren.
Viktor drehte nur den Kopf. „Ich habe nicht Euch gefragt.“ Thorens Kiefer spannte sich. Vaelor hob die Hand, bevor aus dem Satz mehr werden konnte.
„Was genau willst du tun?“
„Fragen.“
„Mehr nicht?“
„Das hängt von den Antworten ab.“
Der Gefangene spuckte Blut auf den Boden. „Zum Teufel mit dir.“
Viktor sah auf den Speichel. Dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich dem Mann gegenüber.
„Wer hat euch bezahlt?“
Schweigen.
„Wo sollte die Tasche hin?“
Nichts.
„Wie viel?“
Keine Reaktion. Viktor lehnte sich zurück.
„Du bist nicht loyal.“
Der Gefangene hob den Kopf. „Was?“
„Du bist nur überzeugt, dass Schweigen billiger ist als Reden.“
Viktors Blick sank auf das verletzte Knie. Er legte zwei Finger an die geschwollene Kniescheibe. Der Mann wurde schlagartig still.
„Das Gelenk ist instabil.“
Viktor drückte leicht. Der Gefangene zuckte. „Wenn ich falsch drücke, wirst du monatelang hinken.“ Etwas mehr Druck. Der Schrei kam sofort. Viktor nahm die Hand weg. Ebenso schnell. Nicht aus Mitleid. Die Reaktion hatte genügt.
„Wer hat euch bezahlt?“
Der Mann schwieg. Viktor griff nach dem geschienten Arm. Thoren stieß sich von der Wand ab.
„Genug.“
Viktor ignorierte ihn. „Viktor.“ Nur dieses eine Wort von Vaelor. Viktors Hand löste sich sofort. Vaelor bemerkte es. Viktor hatte den Befehl erkannt und befolgt, ohne die Grenze noch ein Stück weiter zu verschieben. Viktor stand auf.
„Er kennt den Auftraggeber persönlich.“
Der Gefangene erstarrte. Thoren sah zu Viktor. „Woher willst du das wissen?“
„Bei der Frage nach dem Geld hat er nicht reagiert. Beim Ziel auch nicht.“
Viktor deutete auf den Mann. „Beim Auftraggeber hat er eingeatmet, bevor ich ihn berührt habe.“ Der Gefangene sah weg. Viktor nickte.
„Jetzt braucht Ihr keine Gewalt mehr.“
Vaelor stellte die nächste Frage selbst. Der Mann hielt weitere zehn Minuten durch. Dann nannte er einen Namen.
* * *
Später standen Vaelor und Thoren auf dem südlichen Wehrgang. Viktor befand sich einige Schritte entfernt. Er sah nicht ins Land. Er beobachtete den Wachwechsel. Die Türen. Die Wege durch den Hof. Die Abstände zwischen den Posten. Thoren folgte seinem Blick.
„Ich mag ihn nicht.“
Vaelor sah geradeaus. „Das war schnell.“
„Er sieht Menschen an wie Schlösser.“
„Und?“
„Er will wissen, wie sie aufgehen.“
*** einige Zeit später ***
Mehr als tausend Jahre waren seit den ersten Arbeiten an Schattenfels vergangen. Die Mauern waren gewachsen, die Wege verändert worden, und außerhalb der Festung hatten Herrscherhäuser einander abgelöst. Hinter ihrem Tor lebten noch immer Menschen, die sich an den ersten Winter erinnerten. Wer sein Leben dauerhaft mit Vaelor und Schattenfels verbunden hatte, alterte nicht mehr. Verletzungen konnten diese Menschen weiterhin das Leben kosten; die Jahre allein taten es nicht. Auch Skoll und Nox waren längst zu ausgewachsenen Doggen herangewachsen, ohne danach zu vergreisen. Vaelor sprach selten darüber, wie weit der Fluch reichte. Den Menschen, die von außerhalb kamen, war zunächst nur eines gewiss: An diesem Ort schien die Zeit andere Regeln zu kennen.
Der See lag still zwischen den Hügeln. Ein schmaler Windzug trieb kleine Wellen gegen die flachen Steine am Ufer; dahinter standen die Bäume so dicht, dass der Weg aus der Ferne kaum zu erkennen war. Aria hatte ihre Stute Elona im Schatten einer alten Buche angebunden. Während das Pferd an einem Grasbüschel zupfte, füllte Aria ihre Wasserflasche und überlegte, ob sie die Stiefel ausziehen sollte. Seit dem Morgen war sie unterwegs, der Staub saß ihr in den Haaren, und das Wasser sah verlockend aus.
Dann hörte sie Stimmen.
Aria ließ die Flasche sinken. Auf dem Weg am südlichen Ufer kamen vier Männer zwischen den Felsen hervor. Drei trugen Waffen; der vierte ging zwischen ihnen, die Hände vor dem Körper gefesselt und Blut an der Wange. Als er stolperte, stieß ihn der Mann hinter ihm zwischen die Schulterblätter. Der Gefangene fing sich gerade noch ab.
Aria trat hinter den Stamm und griff nach ihrem Bogen. Sie kannte die Männer nicht; weder ihre Mäntel noch ihre Ausrüstung verrieten ihr, wem sie dienten. Einer der Bewaffneten hielt sich so, dass er den Gefangenen jederzeit erreichen konnte. Die anderen beobachteten den Weg und die Waldkante.
„Du hattest deine Gelegenheit“, sagte der Mann neben dem Gefangenen.
Der Mann klang ruhig, beinahe gelangweilt. Der Gefangene antwortete nicht, sondern senkte den Kopf. Ob er aus Angst schwieg oder ob ihm die Kraft fehlte, konnte Aria nicht erkennen. Sie sah nur die Stricke, das Blut und den Stoß, mit dem man ihn weitergetrieben hatte.
Als sie ihren Stand veränderte, brach unter ihrem Stiefel ein trockener Zweig. Der Mann an der Spitze blieb sofort stehen. Sein Blick ging nicht ziellos durch den Wald; er richtete sich auf die Stelle, an der Aria verborgen stand.
„Links“, sagte er.
Einer seiner Begleiter löste sich von der Gruppe und kam auf die Bäume zu. Aria hob den Bogen und schoss, bevor er ihren Stamm erreichte. Der Pfeil traf den Mann am Oberarm; mit einem Schrei ließ er sein Schwert los und taumelte gegen einen Baum. Der andere Begleiter zog seine Waffe.
„Lasst den Gefangenen frei!“, rief Aria.
Der Mann an der Spitze bewegte sich nicht. Er trug einen dunklen Mantel, unter dem der Griff seines Schwertes sichtbar war, und betrachtete erst den Verletzten, dann Aria. In seinem Gesicht lag kein Schrecken über den Angriff. Seine Ruhe beunruhigte sie mehr, als ein Fluch es vermocht hätte.
„Legt den Bogen ab“, sagte er.
„Erst, wenn du ihn loslässt.“
„Ihr wisst nicht, wen Ihr da vor Euch habt.“
„Drei Bewaffnete und einen gefesselten Mann, der kaum noch stehen kann. Fürs Erste genügt mir das.“
Er hob langsam die freie Hand, als wollte er zeigen, dass er nicht nach seiner Klinge griff. „Euer erster Pfeil war gut. Für den zweiten habt Ihr einen schlechteren Winkel.“
Aria schoss. Im selben Augenblick riss der Mann den Gefangenen zur Seite, und der Pfeil schlug hinter ihnen in einen Baum. Bevor sie den nächsten auflegen konnte, kam er auf sie zu, nicht auf geradem Weg, sondern schräg zwischen zwei Stämmen hindurch. Aria ließ den Bogen fallen und zog ihr Messer.
Ihr erster Hieb zwang ihn zum Ausweichen. Als er nach ihrem Handgelenk griff, rammte sie ihm das Knie gegen den Oberschenkel und wand sich aus seiner Reichweite. Mit der freien Hand traf sie ihn an der Wange, duckte sich unter seinem nächsten Griff hinweg und stieß ihm den Absatz gegen das Knie. Er verlor für einen Schritt das Gleichgewicht. Aria nutzte den Augenblick, packte seinen Mantel und setzte ihm die Klinge an die Seite.
„Genug“, sagte sie atemlos.
Er sah auf das Messer und dann in ihr Gesicht. „Ihr steht zu nah.“
Er drehte sich seitlich aus der Reichweite der Spitze, riss ihren Arm mit sich und schlug ihr die Klinge aus der Hand. Aria versuchte noch, ihm den Ellenbogen gegen die Kehle zu stoßen. Er fing den Schlag ab, brachte sie zu Boden und drückte ihren Arm hinter den Rücken. Der Schmerz schoss ihr bis in die Schulter. Sie bäumte sich auf, doch er verlagerte sein Gewicht, bis sie sich nicht mehr aufrichten konnte.
„Runter von mir!“
„Bleibt liegen. Ihr habt bereits einen meiner Männer verletzt.“
„Dann hättet Ihr Euren Gefangenen besser behandeln sollen.“
„Ihr habt entschieden, was hier geschieht, bevor Ihr eine einzige Frage gestellt habt.“ Sein Atem ging schneller als zuvor, aber seine Stimme blieb gleichmäßig. Er nahm ihr das zweite Messer aus dem Stiefel, das sie noch nicht hatte ziehen können, und übergab beide Klingen einem seiner Begleiter. Erst dann richtete er sich auf.
Aria setzte sich hoch. Der Gefangene stand noch immer gefesselt auf dem Weg. Der Verwundete hatte sich an einen Baum gelehnt; sein Kamerad presste ihm ein Tuch auf den Arm.
„Was hast du mit ihm vor?“, fragte sie.
Der Fremde folgte ihrem Blick. „Das versuche ich seit zwei Tagen herauszufinden. Ihr kommt mit.“
„Ich gehe nirgendwohin mit dir.“
Er holte ein Seil aus der Satteltasche eines seiner Begleiter. „Ihr könnt zu Fuß gehen, oder meine Männer tragen Euch. Beides kostet Zeit, die ich nicht habe.“
Aria betrachtete ihre beiden Messer in der Hand eines der Soldaten. Ihn hätte sie vielleicht noch zu Fall bringen können, den zweiten kaum, bevor der Fremde wieder bei ihr gewesen wäre. Sie streckte die Hände nach vorn, ohne ihm den Gefallen zu tun, den Blick zu senken.
„Wie heißt du überhaupt?“
Er zog den Knoten fest und prüfte, ob sie die Finger bewegen konnte. „Viktor.“
„Aria.“
„Dann solltet Ihr Euch Euren Namen merken, Aria. Ihr werdet ihn gleich mehr als einmal sagen müssen.“
Sie sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick und wandte sich dann ab, als wäre das Gespräch bereits beendet.
* * *
Schattenfels erschien nicht auf einmal. Zuerst tauchten die äußeren Wachtürme auf den Höhen auf, dann die ersten Mauern. Hinter jedem Felszug schien ein weiterer Teil der Festung zu liegen. Aria hatte große Burgen gesehen, aber keine, deren Zugänge so sorgfältig ineinandergriffen. Die Wachen auf den Graten standen in Sichtweite zueinander; manche bemerkte sie erst, als sie selbst längst in deren Blickfeld gewesen sein musste.
Elona wurde hinter ihr geführt. Aria ging zwischen zwei Bewaffneten, die Handgelenke vor dem Körper gefesselt. Viktor ritt voraus und drehte sich kein einziges Mal um. Als sich das Tor öffnete, erblickte Aria Höfe voller Soldaten, Handwerker, Pferde und Wagen. Aus der Schmiede kam der Schlag eines Hammers, vom Übungsplatz das Klirren stumpfer Klingen. Kein Teil dieser Festung wirkte zufällig.
„Offizier“, grüßte eine Wache.
Viktor stieg ab. „Der Gefangene kommt in den unteren Raum. Für den Verletzten holt Ihr einen Heiler. Die Frau bringt Ihr zu mir.“
„Ich habe auch Ohren“, sagte Aria.
„Dann habt Ihr den Befehl gehört.“ Viktor übergab die Zügel und ging weiter.
*** einige Zeit später ***
Aria hatte sich fest vorgenommen, in dieser Nacht zu schlafen. Nami hatte ihren linken Arm verbunden, man hatte ihr eine Mahlzeit gebracht, und die Tür ihres Zimmers ließ sich von innen verriegeln. Das waren mehr Annehmlichkeiten, als sie an einem Ort erwartet hatte, den sie am Morgen noch nicht einmal hatte betreten wollen. Trotzdem saß sie auf dem breiten Fensterbrett, ein Knie an die Brust gezogen, und sah in den Hof hinunter.
Tagsüber hatten dort Wagen gerumpelt, Soldaten gerufen und Klingen aufeinandergetroffen. Jetzt bewegten sich nur Wachen zwischen den Toren. Hin und wieder glitt der Lichtschein einer Laterne an der Mauer entlang, verschwand hinter einem Vorsprung und tauchte weiter unten wieder auf. Aria folgte den Männern mit den Augen, bis sie wusste, wo ein Posten kurz aus ihrem Blickfeld geriet und wie lange er brauchte, um zurückzukehren. Sie tat es, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden. Wer allein unterwegs war, lernte zuerst, wo die Ausgänge lagen und wer sie bewachte.
Ihr Bogen lag neben dem Bett. Die Messer hatte sie so verteilt, dass sie im Dunkeln danach greifen konnte. Vaelor hatte ihre Rückgabe angeordnet, nachdem er ihr ausdrücklich gesagt hatte, dass sie keine Gefangene mehr sei. Sie konnte sich auf seine Worte berufen. Ob die Worte ihr etwas nützten, wenn sie einem seiner Offiziere allein in einem schmalen Gang begegnete, wusste sie nicht.
Sie strich mit dem Daumen über die roten Striemen am Handgelenk. Viktor hatte sie am See überwältigt, gefesselt und später im Verhörraum verletzt. Erst danach hatte sie erfahren, dass der Mann, den sie mit ihrem Pfeil getroffen hatte, einen Gefangenen im Auftrag Schattenfels’ transportierte. Sie hatte vorschnell geschossen. Daran änderte auch Viktors Verhalten nichts, so sehr sie sich wünschte, die Erinnerung an ihren eigenen Fehler beiseiteschieben zu können. Der Soldat lag wegen ihr im Lazarett.
Im Verhörraum war schließlich die Tür aufgegangen. Der glatzköpfige General war zwischen sie und Viktor getreten und hatte der Befragung ein Ende gesetzt. Thoren hatte ihr geholfen, doch er hatte ihr ebenso deutlich gesagt, dass er Vaelors Entscheidung, sie bleiben zu lassen, nicht unbedingt teilte. Sie vertraute ihm deshalb noch lange nicht. Immerhin hatte er nicht versucht, etwas anderes vorzugeben.
Ein Posten löste den Mann am Nordtor ab. Aria sah zu, wie die beiden wenige Worte wechselten, ehe einer im Dunkeln verschwand. Dann nahm sie sich vor, endlich ins Bett zu gehen. Sie blieb noch eine Weile sitzen, das Messer lose in der unverletzten Hand. Irgendwann schlief sie ein, den Rücken gegen den kalten Stein gelehnt.
* * *
Das Klopfen drang zunächst nur als undeutliches Geräusch in ihren Schlaf. Erst beim zweiten Mal öffnete Aria die Augen. Für einen Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Sie schloss die Finger um den Messergriff, bevor sie die Mauern des Hofes erkannte und sich erinnerte.
„Aria?“ Die Stimme kam von der anderen Seite der Tür.
„Ich bin wach“, rief sie.
„Das klingt anders.“
Thoren. Aria schob das Messer in die Scheide und kletterte vom Fensterbrett. Ihr linker Arm war über Nacht steif geworden, und als sie die Truhe mit dem Fuß streifte, entfuhr ihr ein Fluch. Sie öffnete die Tür. Thoren stand im Gang, vollständig angekleidet und offenbar seit Stunden auf den Beinen. Sein Blick ging an ihr vorbei, erst zu dem unberührten Bett und dann zum Fenster.
„Du hast dort geschlafen?“
„Offenbar.“
„Das Bett ist nicht zur Zierde da.“
„Ich habe es gesehen.“
Er betrachtete den Verband an ihrem Arm. „Du gehst zuerst zu Nami. Ich bezweifle, dass die Nacht auf dem Fensterbrett deiner Schulter geholfen hat.“
„Ich habe den Arm nicht belastet.“
„Dann kann Nami dir das bestätigen. Danach kommst du zur Morgenbesprechung.“
Aria fuhr sich mit der unverletzten Hand durch die Haare. „Wann beginnt die?“
„Bald genug, dass du dich jetzt anziehen solltest.“
„Du könntest auch eine Uhrzeit nennen.“
„Und du könntest antworten, bevor ich den ganzen Westflügel wecke.“ Er wandte sich zum Gehen, hielt aber nach wenigen Schritten inne. „Ich warte vor dem Lazarett. Falls du auf dem Weg dorthin wieder einschläfst.“
„Auf einem anderen Fensterbrett?“
„Such dir einen besseren Platz zum Streiten, wenn du wach bist.“
Aria schloss die Tür etwas fester als nötig. Während sie sich anzog, bemerkte sie, dass sie beinahe gelächelt hätte, und ärgerte sich darüber.
Nami war bereits bei der Arbeit. Sie löste den Verband, prüfte Arias Beweglichkeit und tastete vorsichtig die schmerzende Stelle ab. Als sie den Arm anhob, spannte Aria unwillkürlich die Schulter an.
„Noch immer gereizt“, stellte Nami fest. „Heute kein Ringen, kein schweres Ziehen und kein Training, bei dem Euch jemand den Arm verdreht.“
„Ich soll zu Gerrit.“
„Dann sagt Ihr Gerrit genau das.“ Nami legte den neuen Verband an. „Leichte Bewegungen sind möglich, solange der Schmerz nicht zunimmt. Wenn er zunimmt, hört Ihr auf. Nicht erst, wenn Ihr die Übung beendet habt.“
Aria wollte einwenden, dass sie ihre Grenzen selbst kannte. Nami hob den Blick, und sie beschloss, es bei einem Nicken zu belassen.
Vor dem Lazarett warteten Thoren und Gerrit. Neben ihnen lagen Skoll und Nox, zwei ausgewachsene schwarze Doggen, deren ruhige Gegenwart den Gang schmaler wirken ließ. Skoll beobachtete Aria aufmerksam, ohne aufzustehen. Nox erhob sich dagegen, kam mit wenigen Schritten heran und schnupperte an ihrer unverletzten Hand. Sie hielt sie still, bis er sich wieder zu den Männern wandte.
„Die beiden sollen zu Falk“, sagte Gerrit. „Auf dem Übungsplatz genügt es, wenn wir die Rekruten durcheinanderbringen.“
